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Du und Dein VfL

Trainingsauftakt beim VfL Bochum

Heu­te Vor­mit­tag: Trai­nings­auf­takt beim VfL Bochum. Viel wei­ter kannst Du im Pro­fi­fuß­ball nicht von Mes­si, Ronal­do, Mbap­pé und den Scheich-Mil­li­ar­den ent­fernt sein. Dafür sind die Fans mit ihrer gan­zen Fami­lie ganz nah dran, kau­fen die (wirk­lich sehr schö­nen) neu­en Tri­kots und essen Cur­ry­wurst.

Vor der drit­ten Bun­des­li­ga-Sai­son in Fol­ge haben sich die Erwar­tungs­hal­tung der Anhänger*innen und das Selbst­ver­ständ­nis der Offi­zi­el­len ein biss­chen ver­scho­ben: Dies­mal soll es nicht mehr nur um den Klas­sen­er­halt gehen, ein wenig wei­ter oben erscheint denk­bar. Von allen Ruhr­ge­biets­ver­ei­nen kommt der VfL jeden­falls mit dem größ­ten Rücken­wind aus dem letz­ten Spiel­tag der letz­ten Sai­son.

Beim Trai­nings­spiel lie­fern die rund 1.500 Fans schon mal einen Vor­ge­schmack, wie es mit 28.000 klin­gen wird. Von den Neu­ver­pflich­tun­gen ist noch nicht ganz so viel zu sehen, eini­ge Fans müs­sen die neu­en Spie­ler auch erst­mal goo­geln, bevor sie die­se um ein Auto­gramm bit­ten, aber: Hey, es geht ja gera­de erst los!

Die vor vier Jah­ren noch so gefürch­te­ten und chro­nisch unzu­frie­de­nen Fans sind opti­mis­tisch — was sie natür­lich trotz­dem nicht davon abhält, auf der Tri­bü­ne rum­zum­eckern. Doch trifft es heu­te eher die eige­nen Kin­der oder abwe­sen­de Drit­te.

Qua­si par­al­lel hat Her­bert Grö­ne­mey­er für den 12. Juni 2024 sein ers­tes Kon­zert im Ruhr­sta­di­on seit neun Jah­ren ange­kün­digt. Selbst, wenn es für den VfL nicht so rund lau­fen soll­te: Die Rele­ga­ti­ons­spie­le sind bis dahin über die Büh­ne gegan­gen.

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Eine neue Liga ist wie ein neues Leben

Das war nicht schön, am Sams­tag in der Stamm­knei­pe zu ste­hen und den VfL Bochum mit hän­gen­den Fah­nen unter­ge­hen zu sehen. Als Fan von Borus­sia Mön­chen­glad­bach ist man zwar Kum­mer gewohnt (und nach dem 1:6 in Han­no­ver, das die Bochu­mer in die unglück­li­che Aus­gangs­la­ge vor dem letz­ten Spiel­tag brach­te, auch nicht frei von schlech­tem Gewis­sen), aber die­ses kampf- und lieb­lo­se Geki­cke da tat schon weh.

Noch wäh­rend sich die Stadt von die­sem Tief­schlag zu erho­len ver­such­te (was bei die­sem grau­en Wet­ter noch ein wenig län­ger dau­ert), hat Frank Goo­sen, Kaba­ret­tist, Schrift­stel­ler und treu­er VfL-Fan eine Brand­re­de … äh: geschrie­ben, die „Der Wes­ten“ ges­tern ver­öf­fent­licht hat.

Es ist eine bit­te­re Abrech­nung, die den Tau­sen­den Fans aus der See­le spre­chen dürf­te, die immer zu ihrem Ver­ein gehal­ten haben, nur um irgend­wann fest­zu­stel­len, dass ihr Ver­ein eini­ge struk­tu­rel­le Pro­ble­me hat:

Die­ser Ver­ein ist mitt­ler­wei­le durch­sup­pt von einem Ges­tus der Mit­tel­mä­ßig­keit, einer Hal­tung, die kein Ziel, kei­ne Visi­on kennt, nur Lan­ge­wei­le. Wer ein­mal das Glück hat­te, den Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den auf einer Sai­son­ab­schluss­fei­er spre­chen zu hören, weiß, wo das her­kommt: Nicht der VfL Wolfs­burg sei deut­scher Meis­ter gewor­den, hieß es da, son­dern VW. Auf dem zwei­ten Platz sei­en Alli­anz und Tele­kom gelan­det. Und so wei­ter. So rich­tet man sich in einer Opfer­rol­le ein, die im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes un-sport­lich ist. Kein Rhön­rad­fah­rer kann sei­nen Sport mit die­sem Habi­tus betrei­ben

Trotz all der (sicher­lich berech­tig­ten) Vor­hal­tun­gen ist Goo­sens Text nicht durch­weg nega­tiv. Er zeigt sogar neue Mög­lich­kei­ten auf:

Wie gesagt, der Ver­ein braucht eine Iden­ti­tät und eine Idee von sich selbst. Er braucht auf allen Ebe­nen Per­so­nal, das die­se Idee ver­kör­pert und dafür kämpft. Wir wol­len wie­der Lust auf unse­ren Ver­ein haben. Wenn es dafür nötig ist, ihn umzu­bau­en, soll­ten wir sofort damit anfan­gen

Für mich klingt das, als habe da jemand sei­nen Hut in den Ring gewor­fen.

„Gebt uns unse­ren Ver­ein zurück“ bei „Der Wes­ten“

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It Ain’t Over ‚til It’s Over

Wenn’s nach mir gegan­gen wäre, hät­te die Bun­des­li­ga­sai­son um 16:15 Uhr wirk­lich vor­bei sein kön­nen:

1. Bundesliga, Tabelle: 1. Gladbach 3:0 Tore 3 Pkt

Es gibt Din­ge, von denen eigent­lich klar ist, dass man sie nie tun darf: Sich über ein Fes­ti­val-Lin­e­up freu­en, bevor der Zeit­plan raus ist (und man fest­stellt, dass alle Bands, die man sehen will, gleich­zei­tig spie­len); den eige­nen Freun­den vor dem ent­schei­den­den Date vom aktu­el­len love inte­rest erzäh­len und Sie­ge von Borus­sia Mön­chen­glad­bach vor dem Abpfiff fei­ern. Ich hab heu­te zur Abwechs­lung mal wie­der letz­te­res getan.

Weil ich im Vor­ver­kauf kei­ne Kar­ten für den Glad­ba­cher Block gekriegt hat­te, war ich heu­te auf gut Glück zum Ruhr­sta­di­on gefah­ren. Dort gab es tat­säch­lich noch Kar­ten, aber eben nur für die Bochu­mer Kur­ve. Mit ungu­tem Gefühl mei­ne Eig­nung als Under­co­ver-Agent betref­fend stell­te ich mich also zwi­schen die Bochu­mer Fans (zu denen ich mich als Zuge­zo­ge­ner an jedem ande­ren Spiel­tag auch zäh­le) und stell­te mir die – wie ich annahm theo­re­ti­sche – Fra­ge, ob ich bei mög­li­chen Glad­ba­cher Toren wohl ruhig blei­ben könn­te.

VfL Bochum -  Borussia Mönchengladbach 0:1

Die Fra­ge wur­de in der 19. Minu­te beant­wor­tet: Ich konn­te. (In der letz­ten Sai­son habe ich mir beim 1:0 der Glad­ba­cher mei­ne Stim­me völ­lig rui­niert. Fal­scher Block hat also auch was für sich.) Etwas über­ra­schend ging Glad­bach, das die ers­ten fünf Minu­ten die inter­es­san­te Spiel­va­ri­an­te kom­plett ohne Mit­tel­feld aus­pro­biert hat­te, durch Aran­go in Füh­rung. Sie­ben Minu­ten spä­ter kes­sel­te es erneut, die ers­ten Bochum-Fans ver­lie­ßen das Sta­di­on und die Borus­sia tat etwas, wofür sie nicht unbe­dingt immer berühmt ist: sie spiel­te schö­nen und schlüs­si­gen Offen­siv-Fuß­ball. Das 3:0 in der 41. Minu­te war die logi­sche Fol­ge und Mön­chen­glad­bach war Tabel­len­füh­rer.

Bis hier­hin waren die Borus­sen-Fans schon häu­fig die lau­te­ren Anhän­ger gewe­sen, jetzt waren sie die ein­zi­gen. In der Bochu­mer Kur­ve rich­te­te sich jener abgrund­tie­fe Hass, den man außer­halb von Fuß­ball­sta­di­en nur in Ter­ror­camps und Musik­fo­ren im Inter­net fin­det, plötz­lich gegen die eige­ne Mann­schaft. Zu gern wäre man in der Halb­zeit­pau­se in der Kabi­ne gewe­sen, um Mar­cel Kol­ler bei sei­nem Wut­an­fall zu beob­ach­ten. Aber die „High­lights“ der ers­ten Spiel­hälf­te auf der Video­lein­wand waren auch schon ein schö­ner Ersatz.

Nach der Pau­se fiel den Bochu­mer Spie­lern plötz­lich wie­der ein, war­um sie eigent­lich ins Sta­di­on gekom­men waren, und in der 51. Minu­te stand es 1:3. Was dann folg­te, kann ich erst nach Sich­tung der Fern­seh­bil­der heu­te Abend ver­ste­hen: Es müs­sen maxi­mal fünf Ball­kon­tak­te nach dem Wie­der­an­pfiff gewe­sen sein und schon hat­te Aza­ouagh zum zwei­ten Mal für die Bochu­mer getrof­fen. Da däm­mer­te mir, dass die ers­te Halb­zeit ein Traum gewe­sen war und mich die Glad­ba­cher gera­de mit Holz­häm­mern zu wecken gedach­ten. Ver­ka­tert, mit­ten in der Nacht, an einem Ort, den ich nicht kann­te. Und dann hol­te sich Dan­te in der 59. Minu­te eine der däm­lichs­ten roten Kar­ten der Fuß­ball­ge­schich­te ab und Borus­sia war zu zehnt.

Klar, dass vier Minu­ten spä­ter der Aus­gleich fiel. In nicht mal einer Vier­tel­stun­de, die mir aller­dings vor­kam wie ein vier­stün­di­ger tsche­chi­scher Expe­ri­men­tal-Film ohne Unter­ti­tel, war das kom­plet­te Spiel gekippt. In einem der weni­gen Momen­te, in denen ich noch den­ken konn­te, dach­te ich: „Respekt, wie die Bochu­mer sich da noch mal auf­ge­rap­pelt haben! Glad­bach hät­te ab einem 0:2‑Rückstand nur noch auf Hal­ten gespielt.“ Ich woll­te nach hau­se, aber ich durf­te das Sta­di­on auf kei­nen Fall ver­las­sen, denn die letz­te Hoff­nung waren mei­ne Seri­en: Noch nie hat­te Glad­bach ver­lo­ren, als ich im Sta­di­on war, und noch nie hat­te Bochum etwas ande­res als Unent­schie­den gespielt.

Irgend­wann kamen die Glad­ba­cher dann auch mal wie­der ins Spiel und in die Nähe des Bochu­mer Tores. Zum Schluss hät­te jede Mann­schaft noch einen Sieg­tref­fer lan­den kön­nen, aber für Bochum wäre er zuge­ge­be­ner­ma­ßen etwas ver­dien­ter gewe­sen. Doch es blieb bei den sechs Toren, die natür­lich alle­samt auf der ande­ren Sei­te des Sta­di­ons gefal­len waren. Der Abpfiff kam und ich war erleich­tert, dass die Sai­son wenigs­tens nicht schon wie­der mit einer Nie­der­la­ge begon­nen hat­te. Jetzt nur schnell weg! Als ich zuhau­se aus der U‑Bahn stieg, spiel­te die Shuff­le-Funk­ti­on mei­nes iPods „Don’t Look Back In Anger“.

Viel­leicht war es aber auch ganz gut, dass das mit der Tabel­len­füh­rung nichts wur­de: Zum letz­ten Mal war Glad­bach am ers­ten Spiel­tag der Sai­son 98/​99 auf Platz 1 und stieg am Ende als 18. ab.

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Digital Sport

Die Meisterschaft ist quasi schon entschieden

Ja, das kann man natür­lich nach dem ers­ten von 306 Bun­des­li­ga­spie­len schon mal machen:

Wolfsburg schon wieder Spitze

Das Jahr 2009 bestand übri­gens aus auf­fal­lend vie­len Don­ners­ta­gen – zumin­dest bis zum 2. Janu­ar.

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Rundfunk

Mit dem Zweiten sieht man alles

Es ist ja nicht so, dass ein öffent­lich-recht­li­cher Fern­seh­sen­der irgend­wel­che Gewalt­ver­bre­chen bräuch­te, um die eige­nen, nied­ri­gen Qua­li­täts­stan­dards unter Beweis zu stel­len. Im Zwei­fels­fall tut’s auch ein Fuß­ball­spiel.

Der Kapi­tän des 1. FC Köln Ümit Özat, der im August 2008 wäh­rend eines Bun­des­li­ga­spiels einen Herz­still­stand erlit­ten hat­te, hat ges­tern sein Kar­rie­re­en­de bekannt­ge­ge­ben.

In der Redak­ti­on des „Aktu­el­len Sport­stu­di­os“ dach­te man sich wohl, dass vie­le Zuschau­er das im letz­ten Som­mer nicht rich­tig mit­be­kom­men hät­ten oder sich nicht vor­stel­len könn­ten, wie das so aus­sieht, wenn ein Fuß­bal­ler auf dem Spiel­feld einen Herz­still­stand hat. Des­we­gen hielt man es für eine gute Idee und im Zwei­fels­fall für sei­ne jour­na­lis­ti­sche Pflicht, vor dem Bericht über das Rhein-Der­by rhei­ni­sche Der­by zwi­schen Köln und Mön­chen­glad­bach (4:2 für die Borus­sia, aber man muss sich für die eige­nen Mit-Fans schä­men) noch ein­mal kurz zu zei­gen, wie das damals war: Özat mit ver­dreh­ten Augen zuckend auf dem Boden; Özat, der auf einer Tra­ge vom Spiel­feld getra­gen wird; Köl­ner Spie­ler und Funk­tio­nä­re, die fas­sungs­los zu wei­nen anfan­gen.