Es gibt Jahre, da überlegt man am Ende (oder Jahre später, wenn man einen Text über das entsprechende Jahr schreiben will), was denn wohl der wichtigste Song oder die wichtigste Platte des Jahres gewesen sein könnte. Und dann gibt es Jahre, da kann es gar keine Diskussionen geben: Alles fügt sich ganz selbstverständlich zusammen und auch ein größerer zeitlicher Abstand kann den Entscheidungen nichts mehr anhaben. Aber ich fang’ mal besser vorne an …
Am 5. Januar 2006 kam in der CT-Redaktion die Promo zum neuen Tomte-Album an. Am Abend hörte ich die CD einmal, danach war sie über Wochen in meinem Discman eingesperrt — bis die Promo durch die reguläre Ausgabe von “Buchstaben über der Stadt” abgelöst wurde. Nie in meinem Leben hatte mich ein Album schneller und unmittelbarer berührt.
Ein paar Tage später stiegen die Kilians mit “Jealous Lover” auf Platz 4 der Campuscharts ein. Ich hatte damit ausnahmsweise nichts zu tun, denn eine Kollegin hatte den Song vorgeschlagen und die Hörer (bzw. die mobilisierte Dinslakener Dorfjugend) hatten ihn gewählt. Eigentlich wollte ich die Lokalredaktion der “Rheinischen Post” nur auf die Geschichte stupsen, aber nach einem kurzen Telefonat befand ich mich mitten in einer völlig skurrilen Nummer, die mit Journalismus exakt gar nichts mehr zu tun hatte. Gegen Geld (20 Cent pro Zeile) schrieb ich einen ganzseitigen Artikel über meine Freunde und Radiokollegen. Heute würde ich das natürlich nicht mehr machen, aber für die Band hat es sich gelohnt: Eine Woche später stiegen sie sogar auf Platz 3 der Campuscharts, eingekeilt zwischen – und wenn das kein Zeichen war, weiß ich‘s auch nicht – Tomte auf 2 und The Strokes auf 4.
Die New Yorker Kilians hatten gerade selbst ihr drittes Album rausgebracht — in Deutschland bekloppterweise noch am 30. Dezember des Vorjahres. So richtig kicken konnte es mich nicht, aber “You Only Live Once” war schon eine sehr, sehr gelungene Single. Auf CT machte ich eine Jahresvorschaushow, in der ich die kommenden großen Acts des Jahres vorauszusagen versuchte. Leider verlor ich den Zettel mit der Playlist und konnte so nie überprüfen, ob ich Recht gehabt hatte. Little Man Tate und die Arctic Monkeys waren allerdings dabei, glaube ich.
Am 31. Januar spielten Tomte im Zakk in Düsseldorf. Weil ich dachte, meinen alten Grand-Hotel-Kumpel Simon Rass, dem ich auch schon mal ein Hotel-Lights-Demo zugesteckt hatte, dort zu treffen, hatte ich eine Kopie der Kilians-EP gemacht und mitgenommen. Aber Simon war nicht da und so kam es, dass ich Thees Uhlmann noch vor unserem Interview die CD mit den Worten “kannste ja mal reinhören, wennde magst” in die Hand drückte. Ich würde ja glaub ich jemanden töten, der mir das Demo seiner Kumpels andrehen will, und Thees hat mir Jahre später auch glaubhaft versichert, er habe weder davor noch danach jemals in ein Demo reingehört. Aber dieses eine legte er sofort auf, sagte nach vier Takten “Ja, top!”, skippte in Track 2 rein und fragte, ob wir die Musik im Hintergrund laufen lassen könnten. “Äh, nee, ist ein Radiointerview”, sagte ich und führte anschließend ein sehr, sehr schönes Gespräch mit dem Mann. Zum Abschied sagte er: “Wenn ich die Musik morgen noch gut finde, sign‘ ich die Band!”, ich dachte: “Ja, laber!” und ging ins Publikum, um mir ein sensationell gutes Tomte-Konzert anzusehen. Am nächsten Morgen ging ich völlig übermüdet zur Uni und schrieb meine erste Einser-Klausur.
Im Februar sah ich die Kilians drei Mal live und sie waren jedes Mal sehr gut. Bei einem Nachwuchswettbewerb in Oberhausen schieden sie als Viertplatzierte in der Vorrunde aus, was mich persönlich als Rockwettbewerbhasser sehr glücklich machte. Eine Woche später stand ich mit Occident mal wieder selbst auf der Bühne: Unser erstes Konzert außerhalb Dinslakens fand ebenfalls in Oberhausen statt, im legendären Druckluft. Ich glaube, es war unser bestes Konzert überhaupt, was auch daran gelegen haben könnte, dass es an dem Tag stattfand, als ich nach zweiwöchiger Erkältung zum ersten Mal wieder sprechen konnte. Ich klang wie Bono und die Leute stehen auf so was.
Josh Ritter veröffentlichte mit “The Animal Years” eines der meist übersehenen Alben des Jahrzehnts, das mit “Wolves” noch dazu einen der besten Songs des Jahres enthielt. Placebo waren auf dem Höhepunkt ihres Schaffens und hauten mit “Meds” ein Gänsehautalbum raus: Rohe Energie, unendliche Trauer und noch ein paar andere Stimmungen fügten sich zu einem Album zusammen, das sich dennoch wunderbar auf Repeat durchhören ließ. Vega 4 gaben nach über drei Jahren mal wieder ein Lebenszeichen von sich und stellten einen neuen Song auf ihre MySpace-Seite: “You And Me” hatte ordentlich Schwung und die Stimme von John McDaid warf mich um Jahre zurück in die Zeit meines Abiturs. Weil man den Song auch direkt herunterladen konnte, haben wir ihn danach sofort auf CT gespielt, was mutmaßlich nicht im Sinne der Plattenfirma war, die die Single erst ein halbes Jahr später veröffentlichte. Dafür lief der Song wenigstens mal irgendwo.
Bei einem Radiokonzert der Campusradios NRW schrammelte sich Walter Schreifels durch Songs seiner sechs Milliarden Bands (u.a. Walking Concert, Rival Schools, Quicksand und Gorilla Biscuits) und verbreitete puren Spaß an der Freude. Weil bei einer Ticketverlosung im Sender irgendwas schief gelaufen war und ich Konzertkarten nicht beim Verfallen zusehen kann, begleitete ich zwei Kolleginnen eher widerwillig zum Konzert von Danko Jones in der Bochumer Zeche. Mit weit aufgerissenen Augen und ebensolchem Mund beobachtete ich diese unglaubliche Rock‘n‘Roll-Show und stürmte am nächsten Tag in die Redaktion, um das aktuelle Album “Sleep Is The Enemy” dem Archiv zu entreißen und für die nächsten Wochen in meinem Discman zu verstauen.
Thees Uhlmann hatte die Kilians gefragt, ob sie Tomte bei einigen ihrer Konzerte supporten wollen würden — und das, ohne die Band auch nur ein Mal live gesehen zu haben. Sie wussten zwar nicht so genau, wer Tomte eigentlich war, aber sagten zu. Weil ich erst noch eine mündliche Prüfung über Fastnachtsspiele des 15. Jahrhunderts ablegen musste, konnte ich nicht bei allen Konzerten dabei sein, aber schon am nächsten Morgen flog ich von Düsseldorf nach Nürnberg, um mich dem Bandtross in Erlangen anzuschließen. Genaueres über diese vier Tage – etwa die Anekdote, wie wir 500 Kilians-EPs nachbrennen mussten, und die Antworten auf die Fragen, wer Sex mit wem hatte und warum ich den Backstagebereich der Centralstation in Darmstadt vollblutete – werden Sie in meiner Bandbiographie “Ich küsste den Mann vom ‘Neon’-Cover auf die Stirn, bevor er Wodka-O aus dem Deckel einer Rohlingspindel trank“ (Arbeitstitel) nachlesen können, die im Jahr 2025 im Suhrkamp-Verlag erscheinen wird. Es waren vier unglaublich intensive, tolle Tage, an denen ich Jungs auf offener Bühne ihre Gitarrengurte wieder an die Instrumente stöpseln musste, ihnen im Eiltempo neue Saiten aufgezogen habe und – so viel Pathos muss erlaubt sein – mit einigen der besten Menschen zusammen war, die ich je kennengelernt habe. Wenn mir nichts mehr bleibt, habe ich immer noch diese Geschichten, die ich meinen Enkeln erzählen kann. Danke dafür.
Trotz all der Schönheit rammte mir Thees Uhlmann jeden Abend einen Dolch ins Herz: Immer, wenn er in “Schreit den Namen meiner Mutter” bei “Und du sagtest: Da ist zuviel Krebs in Deiner Familie / Da ist zuviel Angst in meiner Welt” ankam, zuckte ich zusammen, denn ich wusste, dass zur selben Zeit ein sehr lieber Verwandter in einem Krankenhaus im Ruhrgebiet lag und vom “größten Wichser in unserem Land” (Zitat Uhlmann), dem Krebs, aufgefressen wurde.
Vier Tage Tour reichten, um mich fürs Rock’n'Roll-Leben anzufixen. Cameron Crowe hatte mit absolut allem recht behalten, was er in “Almost Famous” erzählt hatte. Ich war als Nichtraucher körperlich abhängig geworden vom Zigarettenrauch und die ersten Stunden, die ich nach meiner Rückkehr alleine war, fühlten sich an wie der kalte Entzug in “Trainspotting”. Kontrastprogramm kam glücklicherweise in Form des Hochschulballs, den ich als Mitglied der Chefredaktion des Campusradios besuchen musste. Ich hasse Anzüge wie sonst nur Trikots des FC Bayern München, aber ich musste da durch, um in Wurfweite von Schirmherr Norbert Lammert repräsentativ auszusehen. Es war ein völlig absurder Abend, aber glücklicherweise entdeckte unsere Truppe schnell kostenlose Alkoholvorkommen.
Embrace hatten ein neues Album veröffentlicht, aber SonyBMG kam nicht mal auf die Idee, dieses auch in Deutschland auf den Markt zu bringen. Das Internet ermöglichte es mir, die CD für einen Spottpreis aus Asien kommen zu lassen, und ich fand sie – wie eigentlich immer – gut. Der Frühsommerhit kam von Gnarls Barkley und hieß so, wie er klang: “Crazy”. Bei „Deutschland sucht den Superstar“ gewann ein gewisser Tobias Regner und ich handelte mir einen Riesenärger mit fast allen Kollegen ein, als wir in der Musikredaktion beschlossen, seine Single “I Still Burn” etwa 20 Mal in der Woche laufen zu lassen. Ich würde gerne behaupten, dass ich auch heute noch zu der Entscheidung stehe und dass man Menschen nicht verstoßen sollte, nur weil sie eine Castingshow gewonnen haben. Die Wahrheit ist: Der Song ist kacke. Ich würde jedem Menschen Keile unter die Fingernägel rammen, der mit so einer bescheuerten Idee ankäme, und mein Verhalten ist unentschuldbar. Um so schöner, dass die Kollegen, die mich damals angeschrien haben, heute immer noch mit mir reden.
Newcomer der anderen Art gab es beim Nachwuchswettbewerb einer großen deutschen Brauerei, der in der Bochumer Zeche stattfand. Mit in der Jury saß: Thees Uhlmann, mit im Publikum waren: die Kilians, gewonnen haben: Black Rust. Ich dachte mir, dass es schon erstaunlich viele gute Nachwuchsbands gibt, was sich ein paar Wochen später noch mal bestätigte, als ich in meiner Funktion als Musikchef selbst in der Jury bei einem lokalen Rockwettbewerb saß. Aber Nachwuchswettbewerbe bleiben “Bäh”, und bei solchen Wettbewerben Jurymitglied zu sein ist “Iiihpfuibähmachdasweg”. Geht gar nicht.
Ebenfalls für CT fuhr ich zu einer Demo gegen Studiengebühren in Düsseldorf und beobachte fassungslos, wie Teile der Demonstranten erst grundlos Polizisten beleidigten und dann völlig sinnlos Absperrungen durchbrachen und Straßenkreuzungen blockierten. Es wirkte, als habe eine Schülertheatertruppe 1967/68 nachspielen wollen. Währenddessen putzte sich Deutschland heraus, als ob es 1936 nachspielen wollte.
Ich wollte die Fußball-WM und alles, was mit ihr verbunden war, hassen. Die Deutschlandfahnen an den Häusern, die Deutschlandwimpelketten in den Straßen, ganz Deutschland um mich herum. Da war ich dann plötzlich wieder ganz bei den Punks und hörte “Deutschland Has Got To Die”.
Nun ja: Ich bin eben vor allem Fußballfan und so dauerte es keine sechs Minuten, bis meine ganzen Vorsätze in Trümmern lagen. Philipp Lahm schoss das 1:0 für Deutschland im Eröffnungsspiel und ich sprang genau wie meine Freunde um mich herum auf und brüllte “Jaaaaaa”. Und als Olli Neuville, “mein” Kapitän und erklärter Lieblingsspieler, dann in der 90. Minute gegen Polen den entscheidenden Treffer machte, war für mich natürlich alles klar. Irgendwann saß ich mit einem sechzig Zentimeter hohen Deutschlandhut vor dem Fernseher und fand es nicht mal mehr absurd.
Auch wenn ich fast keines der WM-Spiele verpasste (was auch so sensationelle Erlebnisse wie das 0:0 meiner eigentlichen Lieblingsmannschaft Schweden gegen Trinidad und Tobago enthielt), ging der Rest meines Lebens irgendwie auch noch weiter. Die Dirty Pretty Things hatten ihr Debütalbum veröffentlicht und gemeinsam mit einer Kollegin bastelte ich in einer Ausgabe von “Rockaway Beach” aus den besten Songs von “Waterloo To Anywhere” und den besten vom Babyshambles-Debüt ein neues Libertines-Album. Die Blink-182-Nachfolgeband Angels & Airwaves blies mich mit ihrer Pathosgetränkten Fünf-Minuten-Single “The Adventure” völlig weg, Nelly Furtado machte plötzlich Hip-Hop und auch Bands wie die Pet Shop Boys, Say Anything und Sometree sorgten dafür, dass ich auch mal wieder was anderes hörte als immer nur Tomte und Danko Jones. Die Kilians kamen zu ihrer ersten Erwähnung in “Musikexpress” (als Anekdote im Tomte-Tourtagebuch) und “Visions” (als “Demo des Monats”).
Während das Hurricane-Festival seinem Namen mal wieder alle Ehre machte, saß ich in der Essener Lichtburg und sah mir Sigur Rós live an. Es war wunderschön und bewegend, wenn auch nur zu 98%. Es war sicher der ideale Soundtrack für den Weltuntergang, aber der fand draußen statt und ich war drinnen.
Bei der Fußball-WM übersah ein Schiedsrichter die alte Leitlinie “Wenn ein Italiener im gegnerischen Strafraum liegt und er hat nicht gut sichtbar beide Beine gebrochen, dann war es kein Foul”, weswegen Australien aus dem Turnier flog und Italien endgültig zu meiner persönlichen Hassmannschaft wurde. Das Elfmeterschießen im Spiel Deutschland – Argentinien brachte mich erst an den Rande des Herzinfarkts und anschließend an den Rande des Wahnsinns. Ich sah an mir selbst eine Fußballeuphorie, wie ich sie seit ungefähr zehn Jahren nicht mehr erlebt hatte. Das alles zusammengenommen erklärt vielleicht, warum ich nach der Halbfinalniederlage Deutschlands gegen Italien einen Lichtschalter mit der bloßen Faust zertrümmerte — und mir dabei sehr, sehr weh tat.
Deutschland wurde schließlich noch Dritter, alle waren happy und Zinédine Zidane war klug genug, mit dem größten Abgang, den je ein Profisportler hingelegt hat, vom Ausgang des Finales abzulenken. Am nächsten Tag kehrte die Normalität zurück, was für mich hieß: Klausur schreiben und Nada Surf gucken.
Eine Woche später starb mein Großonkel an seinem Krebs. Das erste, was ich tat, nachdem ich mich beruhigt hatte, war die “Hinter all diesen Fenstern” von Tomte aufzulegen. Weil eben nicht nur die Zeit versucht zu trösten, sondern auch die Musik. Seiner Witwe schrieb ich einen Brief, in dem all das drin stand, was ich ihm nicht mehr hatte sagen können, und weil Popmusik ein so wichtiger Bestandteil meines Lebens ist, standen auch jede Menge Liedzitate drin: von Jimmy Eat World, Ben Folds Five, Sophia, den Weakerthans und natürlich von Tomte. “Never Went To Church” von The Streets war nicht dabei, war aber trotzdem ein Trost. Das Leben ging weiter.
Die letzte Univeranstaltung meines Bachelor-Studiums war ein Blockseminar im Optionalbereich zum Thema “Eventmanagement”. Im Vorfeld hatte ich große Bedenken, weil mich Programmelemente wie “Moderatorenkoffer”, “Multimediapräsentationen” und “Mind Maps” an die schlimmsten Momente meiner Schulzeit denken ließen. Letztlich war das Seminar dann aber doch ganz nett und ich war “scheinfrei”, was ich nach wie vor für eines der schönsten Worte deutscher Sprache halte. Zum Abschluss fehlten nur noch die Abschlussprüfungen und ein Auslandsaufenthalt. Und weil die Anmeldungen zu ersterem während der Zeit anstanden, zu der ich für letzteren weg sein würde, musste ich schon einmal vorab den ganzen Papierkram erledigen. Freunde hatten mich gewarnt vor den vielen Unterlagen, die niemals komplett seien, und vor den Drachen im Prüfungsamt. Es stellte sich heraus, dass bei mir alles binnen kürzester Zeit funktionierte, was mich natürlich um so skeptischer machte: Alle Menschen, deren Unterschriften ich brauchte, waren anwesend, alle Papiere vollständig und zum allerersten Mal überhaupt fand ich mich ohne Plan in meiner Uni zurecht. Bei der Anmeldung für meine Abschlussprüfungen.
Das Haldern Pop begann mit einem Regenguss alttestamentlichen Ausmaßes. Angeblich haben We Are Scientists und The Cooper Temple Clause trotzdem gespielt und angeblich sind Menschen während dieser Auftritte vor der Bühne hin und her geschwommen. Ich saß im Pressezelt, wollte nur noch nach Hause und schwor mir, nie wieder auf ein Festival zu fahren. Ich blieb aber und sah mir Element Of Crime an, die mit “Den ganzen Tag unter Wasser und Spaß dabei” den passenden Kalenderspruch im Gepäck hatten. Am zweiten Tag kam die Sonne raus, ich holte mir einen leichten Sonnenbrand und führte zwei großartige Interviews: Eines mit Neil Hannon von The Divine Comedy, die mit “Victory For The Comic Muse” gerade ein ganz wunderbares Album veröffentlicht hatten, eines mit James Dean Bradfield, dessen Soloalbum “The Great Western” ebenfalls kürzlich erschienen war und mich deutlich mehr begeisterte als das letzte Album seiner Manic Street Preachers. Der Mann hatte den festesten Händedruck, der mir je untergekommen ist, und erwies sich als sehr angenehmer, nachdenklicher und vernünftiger Gesprächspartner. Leider war sein Auftritt eher so mittel.
Vom Haldern aus ging es (nach einem Zwischenstopp in Dinslaken) direkt weiter nach Bonn, wo das erste Grand-Hotel-Festival Station machte. Es spielten: Home Of The Lame, kettcar, The Weakerthans, Olli Schulz & der Hund Marie, Pale und Tomte. Die drei letztgenannten gab es drei Wochen später noch mal für umme beim Essen Original und obwohl ich Tomte damit innerhalb von sieben Monaten sieben Mal live gesehen hatte, war ich immer noch ergriffen und begeistert. Pünktlich zur Zugabe fing es an, wie aus Kübeln zu gießen, aber kaum jemand spannte einen Regenschirm auf oder ging weg. Da standen hunderte junger Menschen vor der Bühne, ließen sich bis auf die Haut nassregnen, lagen sich in den Armen und feierten das Leben. Und alles war aus Gold.
Kein Open Air Festival, zumindest nicht in Dinslaken, durften die Kilians spielen. Die zu diesem Zeitpunkt schon berühmteste Dinslakener Band der letzten hundert Jahre bewarb sich erfolglos um eine Teilnahme beim “Support Your Local Scene Festival”. Ursprünglich hatten wir von Occident vorgehabt, unseren Slot einfach mit den Jungs zu teilen, aber auch daraus wurde nichts, weil wir wieder ausgeladen wurden. Begründung: Wir hätten nicht Bescheid gesagt, dass unser zweiter Gitarrist ausgestiegen sei. Als am Festivaltag die Organisatoren bei mir anriefen, um nach den Handynummern der Kilians zu fragen (ihnen sei da eine Band abgesprungen), brauchte ich zwanzig Minuten, um mich von meinem Lachkrampf zu erholen.
Nicht nur ich stand kurz vor einem längeren Auslandsaufenthalt: Meine Freundin musste ebenfalls weg, ein paar meiner besten Freunde auch. Alle fürs Studium, alle über den Globus verteilt. Und weil noch nicht genug Abschiedsfeiern in meinem Kalender standen, gingen auch ein paar Radiokollegen weg — zu irgendwelchen neuen Jobs in Polen oder zurück in die österreichische Heimat. Im Discman lag mal wieder “Buchstaben über der Stadt”, ganz so, als sei das Album von vorne herein als Soundtrack für mein Jahr konzipiert gewesen. Das passende Album zum Sommer kam von Kante und begann (nach längerem Dröhnen) mit den Worten “Es ist heiß und es ist schwül”. Aber “Die Tiere sind unruhig” war nicht nur meteorologisch treffend, es war auch ein verdammt gutes Album.
An dem Morgen, an dem ich eigentlich einen Flug mit British Airways nach San Francisco hatte buchen wollen, überraschten mich die Medien mit der Nachricht, dass die Behörden in London einen groß angelegten terror plot aufgedeckt hätten. Ich dachte, dass ich sowieso viel lieber mit einer Fluggesellschaft fliege, die meine Initialen hat. Von den entzückenden Regelungen für Flüssigkeiten an Bord von Flugzeugen hatte ich natürlich trotzdem etwas.
Bevor ich selbst das Land verließ, brachte ich erst noch meine Freundin zum Flughafen, die ein Semester in Großbritannien verbringen würde. Kurz vor dem Flughafen lief im Autoradio “Half Light” von Athlete. Wir hatten das Lied immer schon gemocht, aber erst jetzt fiel uns der Text auf: “When I see you next we’ll make the most of it / Tell the sun to start moving again / The taste of your kiss I still got on my lips / And I’ll take you there with me”. Wieder einmal passten Popmusik und Leben zusammen wie die Teile eines Puzzles und hier war es sogar reiner Zufall. Nachdem das Mädchen durch die Sicherheitsschleuse gegangen war setzte ich meine Sonnenbrille auf, fuhr nach Bochum zurück, kaufte noch schnell “Half These Songs Are About You” von Nizlopi, weil mir deren “JCB Song” so gut gefallen hatte, packte meinen Kram zusammen und verabschiedete mich von meinem Job bei CT.
Am Morgen des 15. September brach ich nach San Francisco auf. Meine Verwandten, bei denen ich die nächsten zweieinhalb Monate verbringen sollte, holten mich mittags am Flughafen ab und schon abends ging es weiter zu Freunden von ihnen, die auf dem Land wohnten. Es waren sehr sympathische Leute, wir unterhielten uns angeregt und als der Mann hörte, dass ich Gitarre spiele, fragte er mich, ob ich meine mitgebracht hätte. Als ich verneinte, sagte er, ich könne für die Zeit meines Aufenthalts gerne seine haben. Wir waren uns anderthalb Stunden zuvor zum ersten Mal begegnet. Ich würde meine 80-Euro-Schrömmelsgitarre nie aus der Hand geben. Ich war gerührt.
Ich brauchte ein paar Wochen, um mich in San Francisco einzugewöhnen. Anfangs ging es mir tierisch auf die Ketten, dass alle Menschen so freundlich waren und “Hi, how are you?” fragten, obwohl sie das offensichtlich gar nicht interessierte. Erst mit der Zeit merkte ich, wie viel besser man sich fühlte, wenn man regelmäßig einen schönen Tag gewünscht bekam und angelächelt wurde. Auch in Sachen Plattenläden musste ich mich erst mal zurechtfinden: Meine erste CD – “How To Save A Life” von The Fray, deren Single “Over My Head (Cable Car)” ich schon vorab zum Mottosong meines Auslandsaufenthalts ernannt hatte, obwohl sie sich gar nicht auf diese antiken Straßenbahnen in San Francisco bezog – hatte ich mir noch bei Borders gekauft, dann entdeckte ich Rasputin und Amoeba und verfiel bei jedem Besuch aufs neue in bedenkliche Kaufräusche.
Das erste Konzert, das ich außerhalb Deutschlands sah, war das von Maritime im Café du Nord. Dort lernte ich auch eine wichtige Lektion in Sachen Tarnung, als Davey von Bohlen zwischen zwei Songs von der Bühne rief: “Hey, look at that guy in the Grand Hotel van Cleef shirt! Are you from Germany?” Das zweite Konzert waren Starsailor an meinem Geburtstag.
Meine Verwandten nahmen mich überall mit hin: zu ihren Freunden, die allesamt klug, kreativ und interessiert waren, zu kulturellen Veranstaltungen und gesellschaftlichen Ereignissen. Ich kam mir vor wie ein Kind, das mit großen Augen durch ein fremdes Land stolpert, und sogar die Panik von meiner ersten Fahrstunde durfte ich noch einmal durchleben, als ich zum ersten Mal ein Auto durch den Feierabendverkehr der zwölftgrößten amerikanischen Stadt steuern sollte.
Beck und The Killers veröffentlichten ihre neuen Alben am selben Tag. Ich hörte bei Rasputin in beide rein und kaufte das Beck-Album. Ich habe “The Information” seitdem etwa fünf Mal gehört. Vier Tage später ging ich wieder hin und kaufte doch noch “Sam’s Town”, das sich alsbald zu einer der meistgehörten CDs überhaupt in meiner Sammlung entwickelte. Dass meine heimischen CD-Regale nach meiner Rückkehr nicht mehr genügend Platz bieten würden, dämmerte mir ungefähr nach vier Wochen, in denen ich nahezu täglich mindestens einen gebrauchten, spottbilligen Tonträger der Kategorie “Wollte ich irgendwie immer schon mal haben” anschleppte. In einem kleinen Club, anderthalb Häuserblocks von “unserer” Wohnung entfernt, gastierte Europas Popsensation des Jahres: Lily Allen wusste auch live gleichermaßen zu beeindrucken wie zu verzaubern. Bei Borders entdeckte ich das Buch “Killing Yourself To Life” von Chuck Klosterman, von dem ich schon mal gehört hatte. In den nächsten Wochen kaufte und verschlang ich alle bisherigen Veröffentlichungen des Autors.
Am 19. Oktober machte ich ganz alleine einen Road Trip: Ich verließ die Stadt Richtung Norden über die Golden Gate Bridge und guckte mir als erstes die berühmten Redwood Trees im Muir Woods National Monument an. Als ich zum Parkplatz zurückkehrte, ging ich instinktiv erst zur Beifahrertür, bevor mir wieder einfiel, dass mich diesmal kein Vater durch die Gegend fahren würde wie bei früheren USA-Aufenthalten. Ich war erwachsen geworden, ohne es zu merken. Alleine unterwegs zu sein hatte leider den eklatanten Nachteil, dass ich auf meinem Weg zu meinem nächsten Ziel zwar über eine Straße fuhr, die sicher völlig zu recht den Namen Panoramic Highway trug, ich aber nichts von der verdammten Landschaft zu sehen bekam, weil ich mich darauf konzentrieren musste, bald rechts bald links, vom Steine hier vom Sturze da, die Räder wegzulenken. So erreichte ich schließlich Stinson Beach und schon als ich aus dem Auto stieg, stellte sich das aus Kindheitstagen bekannte Meer-Gefühl ein: Erst hört man es, dann riecht man es und dann ist es da. Es gab blaues Wasser, so weit das Auge reichte, dazu strahlenden Sonnenschein bei knapp 25 Grad Celsius. Mädchen sonnten sich in ihren Bikinis, Familien mit kleinen Kindern spielten am Strand und im Wasser waren Verrückte, die tatsächlich bei 12 Grad schwimmen gingen. Natürlich musste ich da auch rein, aber nur mit den Füßen — die ich nur wenige Stunden später schon wieder komplett spüren konnte.
Ben Folds spielte ein Wunschkonzert, das live auf MySpace übertragen wurde — während ich in Deutschland bis nachts um Drei hätte wach bleiben müssen, konnte ich den Webcast bequem um sechs Uhr abends pacific time sehen. Dann kam Halloween. Verkleiden hatte ich als Kind immer cool gefunden, aber wenn man in Gebieten aufwächst, in denen Karneval gefeiert wird, verbindet man irgendwann nur noch Schlechtes mit Verkleidungen. Entsprechend gering war meine Begeisterung, als meine Verwandten mich informierten, dass wir eine Halloween-Party besuchen würden. Aus riesigen grünen Filzbahnen bastelten wir uns Ampelmännchen-Kostüme, die allerdings niemand als solche erkannte, weil es in den USA keine Ampelmännchen gibt. Als “Aliens” bekamen wir hingegen eine honorable mention beim Kostümwettbewerb und ich hatte tatsächlich großen Spaß.
Nachdem ich schon Chicago gesehen hatte, flog ich Anfang November mit meinem Onkel nach New York. An Bord des Flugzeugs sah ich zum ersten Mal die “Daily Show” und war sofort angefixt. Das erste, was ich in New York sah, war ein Mann, der am JFK am Urinal stand und während des Wasserlassens telefonierte. Das erste, was ich von Manhattan sah, war der Times Square um kurz nach Mitternacht. Es war groß, hell und laut.
Der erste Tag Manhattan ließ mich etwas enttäuscht zurück, weil die Stadt ausschließlich eins zu sein schien: riesig. Weil die Stadt außerdem teuer war, dachte ich, wenigstens beim U-Bahn-Ticket sparen zu müssen, und lief die meiste Zeit zu Fuß durch die Gegend. Zum Beispiel von der 14th Street runter zum Battery Park und dann zurück bis zum Times Square oder ähnliche Scherze. Am zweiten Tag entschied ich mich für die Seitenstraßen, entdeckte Tribeca und lief zu Fuß über die Brooklyn Bridge. Mit “The Rising” von Bruce Springsteen im Discman ging ich durch Lower Manhattan zu der Stelle, wo wenige Jahre zuvor noch das World Trade Center gestanden hatte. Erst begriff ich gar nicht, wie riesig das Loch dort war, weil alles andere drum herum ebenfalls riesig war. Ich sah die noch immer beschädigten Fassaden der Häuser, die einen halben Block vom Ground Zero entfernt standen und deren Fenster mit einer dicken Staubschicht bedeckt waren. Ich fuhr in die U-Bahn-Station hinunter, die immer noch „World Trade Center“ hieß und die noch im Originalzustand aus der Zeit davor war. Die Kacheln an den Wänden hatten eine Bruchkante, die die Grenze zwischen alter und neuer Zeitrechnung, zwischen Leben und Tod markierte. Ich bekam die Gänsehaut meines Lebens.
Am Sonntag während unseres New-York-Aufenthalts fand der berühmte Marathon statt. Am späten Nachmittag kamen wir am Ziel am Central Park vorbei und auch die Menschen, die nach sieben Stunden als Zigtausendste dort einliefen, wurden vom umstehenden Publikum noch gefeiert wie Sieger. Inmitten riesiger Menschenmassen wurden wir am Dakota Building vorbeigeschoben, vor dem John Lennon erschossen worden war. Der halbe Central Park war für den Marathon gesperrt worden, aber schließlich fanden wir doch einen Eingang, der geöffnet war. Sofort wurde es ruhiger und ich wusste ganz genau, wo ich als nächstes hin musste: Zum Reservoir, das ich bisher nur aus Tomtes “New York” kannte. Wir erreichten das Ufer, der Himmel hinter der beeindruckenden Skyline wurde schon dunkel und ich hatte das Gefühl, dass all die roten Fäden, die sich durch das bisherige Jahr gezogen hatten, hier und in diesem Moment zusammentrafen. “Wir stehen am Reservoir und es ist in der Tat großartig. Meine Finger frieren ab, aber ich genieße es.”, textete ich meiner Freundin nach Übersee und meinte jedes Wort ernst.
Wir kehrten nach San Francisco zurück und ich merkte, dass die Zeit langsam knapp wurde: Ich war seit etwa acht Wochen in der Stadt und hatte kaum etwas touristisches unternommen. Das konnte ich alles nachholen, als mich ein alter Schulfreund aus Dinslaken besuchen kam, der zur selben Zeit an der Uni in San Diego war. Wir fuhren mit der Cable Car, machten einen Road Trip nach Santa Cruz und eine sehr, sehr anstrengende Fahrradtour kreuz und quer durch San Francisco, inklusive zweier Überquerungen der Golden Gate Bridge.
Thanksgiving kam und bescherte mir den schönsten Feiertag meines Lebens. Dann war es auch schon langsam an der Zeit, Abschied zu nehmen. Von einer Stadt, an die ich nicht als erster mein Herz verloren hatte, und von lauter lieben Menschen. Ich war alt genug, um zu verstehen. Das erste, was ich auf deutschem Boden erlebte, war ein Mann, der mir am Flughafen seinen Gepäckwagen in die Hacken schob und mich dafür anmeckerte.
Ich brauchte Wochen, um mich wieder an Deutschland zu gewöhnen, was nicht nur am Jetlag und den niedrigen Temperaturen lag. Aus dem Internet bzw. aus Hongkong kamen ein paar neue CDs wie das zweite Album von Vega 4, “Rudebox” von Robbie Williams, das ich gar nicht so schlecht fand, und das erste (und einzige) Album von The Upper Room, auf deren sensationelle Single “All Over This Town” ich irgendwie aufmerksam geworden war. In Dinslaken traf ich die Kilians und Thees Uhlmann wieder, die gerade dabei waren, irgendwelche wichtigen Verträge zu unterschreiben. Einen Tag später sah ich beim traditionellen “School’s Out” The Rumours live. Mein Mund klappte auf und ich dachte “vielleicht wiederholt sich Geschichte ja doch”. Und weil man ja nicht zwei Mal den gleichen Fehler macht, ließ ich mir noch am selben Abend von den Musikern auf einem Bierdeckel unterschreiben, dass sie mir ihre Seele abtreten würden. Dann verlor ich den Bierdeckel.
Ich versuchte mich noch mal als Radiomoderator und machte bei CT eine zweieinhalbstündige Talkshow mit dem Schriftsteller Oliver Uschmann. Wir plauderten buchstäblich über Gott und die Welt und hatten unseren Spaß. Die einzige Rückmeldung, die wir erhielten, war der Anruf eines 64-jährigen Pensionärs, der die Sendung zufällig gehört hatte, ganz begeistert gewesen war und mir das über eine halbe Stunde auseinandersetzte. Ich beschloss, meine Rundfunkkarriere an den Nagel zu hängen.
Kurz vor Weihnachten kehrte auch meine Freundin zurück. Wiedersehen, Weihnachten und Silvester wurden groß gefeiert. Als ich in einem stillen Moment auf das Jahr zurückblickte, war ich mir sicher, dass eines der extremsten, außergewöhnlichsten und besten Jahre meines Lebens zu Ende ging. Ich hatte unzählige neue Erfahrungen gemacht und neue Freunde gefunden. Es konnte keine Zweifel geben, was Album und Song des Jahrs anging. Noch nie war Musik so eng mit meinem Leben verbunden gewesen wie im Fall von Tomtes “Buchstaben über der Stadt”.
Deshalb ist auch völlig klar, was der Song des Jahres 2006 war, ist und ewig bleiben wird: Tomte – New York